
13. Januar 2026
Die Kunst des Abschieds: Was gute Führung in Kündigungssituationen wirklich ausmacht
Dr. Katrin Roppel

Kündigungen gehören zu den schwierigsten Momenten im Berufsleben. Für alle Beteiligten. Und doch werden sie in vielen Unternehmen immer noch wie reine Verwaltungsakte behandelt: ein Gespräch, ein Formular, eine Unterschrift, ein Übergabetermin.
Dabei ist eine Kündigung weit mehr als ein organisatorischer Schritt. Sie ist ein Beziehungsmoment. Ein Moment, der darüber entscheidet, wie Menschen sich selbst sehen, wie sie Führung erleben und wie sie Vertrauen in Organisationen behalten oder verlieren.
Die menschliche Realität hinter Kündigungen: Was ich in der Praxis erlebe
In meinen Beratungen und Coachings erlebe ich immer wieder, wie tief eine Kündigung Menschen erschüttern kann. Für viele fühlt es sich an, als würde ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen. Selbst gestandene Führungskräfte geraten in Schock, zweifeln an sich, verlieren Orientierung. Und genau deshalb ist es so entscheidend, wie Führungskräfte in diesem Moment handeln. Denn sie tragen Verantwortung. Nicht nur für den Prozess, sondern für die Würde eines Menschen.
Dieser Beitrag beleuchtet drei Dimensionen, die in Kündigungssituationen oft übersehen werden: die psychologische, die kulturelle und die Führungsdimension. Und er zeigt, warum gute Führung gerade dann sichtbar wird, wenn ein Arbeitsverhältnis endet.
1. Die psychologische Dimension: Was eine Kündigung im Inneren auslöst
Eine Kündigung ist ein massiver Eingriff in das Selbstbild eines Menschen. Sie trifft nicht nur die berufliche Identität, sondern oft auch das Gefühl von Sicherheit, Kompetenz und Zugehörigkeit. Viele Menschen erleben in diesem Moment eine Art emotionalen Ausnahmezustand.
Typische Reaktionen sind:
- Schock oder Erstarrung
- Scham („Was habe ich falsch gemacht?“)
- Angst vor der Zukunft
- Wut oder Enttäuschung
- Rückzug oder Überanpassung
In meinen Beratungen sehe ich immer wieder, wie stark diese Gefühle sind. Manche Menschen können im ersten Gespräch kaum sprechen. Andere versuchen, die Fassung zu bewahren, obwohl innerlich alles bebt. Wieder andere fallen in eine Art funktionalen Modus, der erst Wochen später zusammenbricht.
Was viele Führungskräfte unterschätzen: Eine Kündigung ist ein psychologisches Ereignis, kein administratives.
Und genau deshalb braucht es in diesem Moment: Empathie, Präsenz und eine klare Sprache, die Halt gibt.
Es geht nicht darum, die Kündigung „schönzureden“. Es geht darum, sie menschlich zu gestalten. Menschen merken sehr genau, ob eine Führungskraft sich innerlich verabschiedet hat oder ob sie den Mut hat, im Moment zu bleiben.
2. Die kulturelle Dimension: Kündigungen als Spiegel der Organisation
Wie ein Unternehmen mit Kündigungen umgeht, sagt viel über seine Kultur aus. Kündigungen sind wie Brenngläser: Sie zeigen, was wirklich zählt, jenseits von Leitbildern und Hochglanzbroschüren.
Ich habe in meiner eigenen beruflichen Laufbahn zwei Extreme erlebt, die mich bis heute prägen:
In einem meiner ersten Jobs musste mein damaliger Chef einen Mitarbeiter in der Probezeit kündigen. Es passte aus mehreren Gründen nicht. Doch anstatt den Mitarbeiter einfach „gehen zu lassen“, tat mein Chef etwas, das mich nachhaltig beeindruckt hat: Er nutzte sein eigenes Netzwerk, sprach mit Kontakten in anderen Unternehmen und half dem Mitarbeiter aktiv, eine neue Stelle zu finden. Eine Stelle, in der dieser seine Stärken viel besser einbringen konnte. Für uns im Team war das ein starkes Signal. Es zeigte, wie dieses Unternehmen und diese Führungskraft zu seinen Mitarbeitern standen. Menschlich, fair, verantwortungsvoll. Die Botschaft war klar: „Wenn es bei uns nicht passt, lassen wir dich trotzdem nicht fallen.“
Das Gegenteil habe ich später in einem anderen Unternehmen erlebt. Dort „verschwanden“ Mitarbeitende einfach. Der Sicherheitsdienst holte sie ab, nahm ihnen Laptop und technisches Equipment weg, führte sie aus dem Gebäude, ohne dass sie sich von Kollegen verabschieden konnten. Für die Betroffenen war das verstörend, fast traumatisch. Für die verbleibenden Mitarbeitenden erzeugte es Angst und Misstrauen. Niemand wusste, was passiert war. Niemand wusste, ob es sie als Nächste treffen könnte. Eine Kultur, die so mit Menschen umgeht, verliert ihre psychologische Sicherheit und damit ihre Basis für Leistung, Kreativität und Loyalität.
Und noch etwas kommt hinzu: In vielen Fällen handelt es sich formal gar nicht um Kündigungen, sondern um Aufhebungsverträge. Mitarbeitende werden überrascht, unter Druck gesetzt oder mit Formulierungen konfrontiert, die ihnen suggerieren, sie hätten keine Wahl. Für die Betroffenen fühlt es sich an wie eine Kündigung. Auch das ist ein kulturelles Signal. Und kein gutes.
Kündigungen oder das, was ihnen oft vorausgeht, sind immer ein kulturelles Statement.
3. Die Führungsdimension: Klarheit, Mut und die Verantwortung für Kommunikation
Hier liegt der Kern des Problems und gleichzeitig die größte Chance.
Viele Kündigungen wären meiner Ansicht nach vermeidbar gewesen, wenn Führungskräfte früher, klarer und mutiger kommuniziert hätten. Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder Fälle, in denen Mitarbeitende völlig überrascht sind. Sie wussten nicht, dass ihre Leistung nicht ausreicht. Sie wussten nicht, dass Erwartungen nicht erfüllt wurden. Sie wussten nicht, dass sie „angezählt“ waren.
Warum? Weil Führungskräfte oft um den heißen Brei herumreden.
Nicht aus Bosheit, sondern aus:
- Konfliktscheu
- Unsicherheit
- Angst, jemanden zu verletzen
- fehlender Klarheit über die eigenen Erwartungen
- mangelnder Übung in kritischen Gesprächen
Das Ergebnis ist fatal: Mitarbeitende können ihre Leistung nicht verbessern, wenn sie nicht wissen, was fehlt. Eine Kündigung, die aus heiterem Himmel kommt, ist fast immer ein Führungsversagen.
Gute Führung bedeutet:
- Erwartungen klar zu formulieren
- Feedback konkret und zeitnah zu geben
- Entwicklung zu ermöglichen
- Warnsignale anzusprechen
- und den Mut zu haben, unangenehme Gespräche zu führen
Es geht nicht darum, Menschen „abzustrafen“. Es geht darum, ihnen eine faire Chance zu geben.
Und wenn eine Kündigung oder ein Aufhebungsvertrag am Ende dennoch notwendig ist, dann sollte er:
- gut vorbereitet
- klar begründet
- respektvoll kommuniziert
- und professionell begleitet werden
Denn eine Trennung ist kein persönliches Urteil. Sie ist eine Entscheidung über eine berufliche Passung, nicht über den Wert eines Menschen.
Fazit: Kündigungen sind Beziehungsmomente und Führungskompetenz zeigt sich im Abschied
Kündigungen sind nie leicht. Aber sie können fair, klar und menschlich gestaltet werden. Führungskräfte haben in diesen Momenten eine enorme Verantwortung. Sie entscheiden darüber, ob ein Mensch in Würde geht oder verletzt zurückbleibt. Sie entscheiden darüber, wie Teams Vertrauen erleben. Und sie entscheiden darüber, ob eine Organisation ihre Werte lebt oder nur behauptet.
In meinen Beratungen sehe ich immer wieder: Menschen vergessen nie, wie sie gekündigt wurden. Aber sie vergessen auch nie, wenn jemand in diesem Moment Haltung gezeigt hat.
Gute Führung zeigt sich nicht nur in Erfolgen. Sie zeigt sich im Abschied.
Wenn Sie als Führungskraft, HR‑Verantwortliche oder Organisation Ihre Unternehmenskultur stärken und Trennungsprozesse fair, transparent und respektvoll gestalten möchten, unterstütze ich Sie gerne. Ich berate Unternehmen zu Fragen der Führungskultur und begleite gekündigte Mitarbeitende im Rahmen von Outplacement dabei, beruflich wieder sicher Fuß zu fassen und neue Perspektiven zu entwickeln.
Seit 2012 helfe ich Menschen, beruflich klarzukommen – mit sich, mit anderen und mit der Rolle, die sie wirklich ausfüllen wollen.
Was mich auszeichnet: schnelles Erfassen, was schiefläuft – und ein Blick fürs Wesentliche. Kein Firlefanz, keine Buzzwords – einfach ehrliche, punktgenaue Begleitung. Ich bin gut im Zwischen-den-Zeilen-Lesen. Genau das hilft mir, Menschen auf Spur zu bringen – klarer zu denken, besser zu handeln, mit weniger Theater im Kopf. Lassen Sie uns sprechen - ohne Blabla, dafür mit Tiefgang!
